Am 19. Mai 2026 fand die Konferenz des Netzwerks Ressourceneffizienz unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMUKN) statt. Mehr als 200 Teilnehmende aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung diskutierten, wie Digitalisierung als zentraler Hebel für die Circular Economy genutzt werden kann. Vor Ort nahmen circa 130 Personen im Lichthof des BMUKN an der Veranstaltung teil, weitere rund 120 via Online-Livestream.
Thematisch umspannte die Konferenz Voraussetzungen, Herausforderungen und Gute-Praxisbeispiele für die Nutzung digitaler Technologien, die aus Sicht von Unternehmen, Start-ups, Politik und Zivilgesellschaft relevant sind, um die Digitalisierung als einen zentralen Hebel für die Umsetzung der Circular Economy nutzen zu können. Dazu gehörten Fragen zu organisatorisch-technischen Voraussetzungen der digitalen Transformation ebenso wie die Themen „Digitale Produktpässe“, „Datenräume“ und „Interoperabilität als Grundlage von Innovationen für eine digitale Circular Economy“.


Um als Hebel wirken zu können, müssten jedoch im Vorfeld relevante Aspekte wie Datensouveränität und Datensicherheit sowie Finanzierung und Kompetenzen für die Nutzung digitaler Technologien geklärt werden. So sei die Frage, wie Unternehmen Daten so nutzen können, dass sie diese ohne spezielle, kostspielige Software verwerten können, auch eine Frage der Datensouveränität. Zentrale Hemmnisse waren aus ihrer Sicht des Weiteren fehlende Fachkräfte und Fachwissen, fehlende Finanzierung, mangelnde Nachrüstbarkeit von Anlagen, fehlende Partnerschaften sowie eine lückenhafte Breitbandinfrastruktur.
Im Hinblick auf Kompetenzerwerb und finanzielle Unterstützung für den Mittelstand verwies die Parlamentarische Staatssekretärin auf den Green AI Hub-Mittelstand (GAIH), der mittels wissenschaftlich begleiteter Pilotprojekte KMU den Zugang zu KI-gestützten Lösungen ermöglicht. Vierzehn der im Rahmen des GAIH bereits umgesetzten Pilotprojekte hätten das Potenzial, mehr als 300 Tonnen CO₂ pro Jahr einzusparen.
Für die Vernetzung zwischen den Unternehmen spielt die Datensicherheit eine große Rolle – der Digitale Produktpass (DPP) könne hier helfen. Unternehmen sollen bei der Einführung und Nutzung von DPP über die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (NKWS) im Rahmen einer Digitalisierungsinitiative zur Schließung von Stoffkreisläufen unterstützt werden, indem ein Kompetenzzentrum für DPP aufgebaut werde.

Aus der Praxissicht von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) wurde deutlich, dass der Blick zunehmend in Richtung Wertschöpfungsnetzwerke geht. Es geht nicht mehr nur darum, den Datenfluss innerhalb des eigenen Unternehmens zu optimieren, sondern auch eine gemeinsame Datensprache mit anderen Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette zu etablieren. Dafür braucht es Standards und eine klare Bereitschaft zum Datenaustausch, die über Unternehmensgrenzen hinaus reicht.
Die These, dass Circular Economy ohne Digitalisierung nicht funktioniert, wurde durch die Gegenthese ergänzt, dass auch Digitalisierung auf Circular Economy angewiesen ist: Große Rohstoffabhängigkeiten in der Digitalisierungsindustrie, beispielsweise beim Quantencomputing, machen deutlich, dass zirkuläres Wirtschaften von Anfang an mitgedacht werden muss, um Rohstoffbedarfe auch zirkulär decken und Abhängigkeiten reduzieren zu können.
Ein zentrales Thema war die Frage, wie Unternehmen das Thema Circular Economy strategisch verankern, anstatt es nur als Compliance- und Kostenthema zu behandeln. Vielfach werde der Innovationscharakter der Kreislaufwirtschaft übersehen. Dabei eröffne sie völlig neue Geschäftsmodelle: Ein exemplarisch vorgestellter Rucksackhersteller hatte mithilfe eines QR-Codes einen digitalen Austausch mit Konsumentinnen und Konsumenten aufgebaut, um zu verstehen, wie das Produkt nach dem Kauf genutzt und weitergegeben wird. Aus diesem Wissen entstand ein neues Rücknahme- und Second-Life-Geschäftsmodell. Ähnlich verhält es sich mit einem Bürstenhersteller, der Produktionsreste als Räucherchips für das Grillen vermarktet – ein Beispiel, wie Kreislaufwirtschaft aus bereits vorhandenen Ressourcen neue Wertschöpfung generiert.
Die Diskussion machte auch deutlich, dass Kompetenzen nicht durch einmalige Schulungen entstehen, sondern durch das Erproben konkreter Lösungen in Lernräumen, in denen Mitarbeitende mit konkreten Problemstellungen beteiligt werden und auch Fehler machen dürfen. Das Prinzip „Ins Tun kommen" wurde als zentraler Erfolgsfaktor identifiziert. Jede einzelne Person in einem Unternehmen, z. B. im Einkauf, kann Innovationen treiben und Kreislaufgedanken mitdenken. Durch Digitalisierung und KI verändern sich Rollen und Berufsbilder grundlegend. Hieraus entstehen Chancen, aber auch Herausforderungen. Der Einkauf etwa könnte künftig stärker auf Nachhaltigkeitskriterien achten, wenn entsprechende Daten verfügbar wären, wodurch sich neue Entscheidungsgrundlagen jenseits des reinen Preisvergleichs eröffneten.
Kernaussagen der Session 1:
Session 2 „Initiativen der Wirtschaft zur Digitalisierung von Wertschöpfungsketten und Bedeutung von Datenräumen“ rückte Datenökosysteme und die Frage des Datenteilens in den Mittelpunkt. Im Fokus stand, wie Datenräume und Standards die Grundlage für eine digitale Circular Economy schaffen können und welche Initiativen aus der Wirtschaft dazu beitragen.


Ein konkretes Praxisbeispiel zeigte, dass die Einführung des DPP in Unternehmen interne Daten-Hubs als wertvollen Nebeneffekt hervorbringt. Die überraschende Erkenntnis in einem Demonstrator-Projekt lag nicht nur im Nachhaltigkeitsnachweis, sondern im Entstehen einer neuen Art digitaler Kundenbeziehung: Ein sogenanntes „sprechendes Produkt" konnte mittels KI Fragen beantworten und weit über klassische Bots im Online-Handel hinausgehen. Das zeigt, dass der Mehrwert des DPP nicht nur regulatorischer Natur ist, sondern neue Geschäftsmodelle und Kundenerlebnisse ermöglichen kann.

Kernaussagen der Session 2:
Session 3 “Betriebliche Erfolgsbeispiele einer digitalen Circular Economy“ präsentierte konkrete Praxisbeispiele aus verschiedenen Branchen. Die Bandbreite der vorgestellten Ansätze reichte von der KI-gestützten Reparatur von Fahrrad-Akkus über die digitale Kreislaufführung von Mehrweg-Containern in der Chemieindustrie bis hin zu vernetzten Lösungen für die Entsorgungsbranche.



Ein Netzwerk für privatwirtschaftliche Entsorgungs- und Recyclingunternehmen berichtete im Anschluss über vielfältige Anwendungsbeispiele von KI in der Entsorgungsbranche: von der automatischen Umwandlung von Auftrags-E-Mails in digitale Bestellungen über die KI-gestützte Erkennung wiederverkaufbarer Produkte im Sperrmüll bis hin zur Röntgenscannertechnologie für eine zuverlässige Erkennung von Akkus in Abfallströmen, um Brände in Recyclinganlagen signifikant zu reduzieren. Die Kernerkenntnisse hieraus: KI bietet Nutzen über die gesamte Wertschöpfungskette, Pioniere profitieren bereits und Netzwerke beschleunigen die Diffusion solcher Lösungen.
Kernaussagen der Session 3:
Session 4 „Branchenfokus: Intelligente Stoffströme als Schlüssel der Circular Economy“ beleuchtete Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung und KI in der Entsorgungsbranche.


Die Frage, ob die Entsorgungswirtschaft primär Datenlieferant oder Datennutzer ist, wurde klar beantwortet: sie ist beides. Als Nutzer von DPP-Daten profitieren Entsorgungsunternehmen von Informationen über Materialzusammensetzungen und Schadstoffe; als Herstellunternehmen von Rezyklaten werden sie selbst zu Datenlieferanten. Mehr Transparenz über Stoffströme und Materialqualitäten würde es ermöglichen, Anlagen effizienter zu betreiben und hochwertigere Sekundärrohstoffe herzustellen. Das eigentliche Hemmnis liege allerdings weniger am Mangel an Daten als vielmehr an der fehlenden Nachfrage nach Sekundärrohstoffen. Design for Recycling und Ökodesign wurden in diesem Zusammenhang als wesentliche Hebel benannt: Nicht nur die Entsorgungsbranche solle in die Pflicht genommen werden, auch Hersteller trügen Verantwortung dafür, Produkte so zu gestalten, dass sie leichter recycelt werden können. Die Lösung komplexer Trennprobleme – wie etwa bei mehrschichtigen Kunststoffverbunden – liegt somit nicht allein in der Technologie, sondern auch im Design der Produkte selbst.
Kernaussagen des Panels:
Abschluss
Das Schlusswort von Sabine Huck aus dem Referat C III 3 des BMUKN brachte die zentrale Botschaft des Tages auf den Punkt: Datenökosysteme sind eine wesentliche Voraussetzung für die digitale Circular Economy, aber sie allein reichen nicht. Die Menschen, die die Transformation umsetzen sollen, müssen mitgenommen, befähigt und unterstützt werden: als Mitarbeitende in Unternehmen, als Konsumentinnen und Konsumenten ebenso wie als Bürgerinnen und Bürger.

Der Mittelstand wurde abschließend als Motor und Rückgrat der deutschen Wirtschaft gewürdigt. Die auf der Konferenz vorgestellten Praxisbeispiele aus mittelständischen Unternehmen haben gezeigt, wie innovativ und handlungsfähig KMU sind. Die Bundesregierung brauche diese Akteure weiterhin als aktive Partner bei der Umsetzung der NKWS. Die Einladung an alle Teilnehmenden lautete, sich auch in der Umsetzungsphase der NKWS aktiv einzubringen.
Die Konferenz des Netzwerks Ressourceneffizienz 2026 hat gezeigt: Digitalisierung und Circular Economy sind keine parallelen, sondern zutiefst miteinander verwobene und vernetzte Transformationsagenden.
Der entscheidende Hebel für die Transformation liegt bei den Menschen, den Netzwerken und dem Mut, ins Tun zu kommen.